Gesunde Finanzen Südamerika überwindet Krise

Ähnliche Inhalte

Eine wachsende Mittelschicht, solide Demokratien, freie Marktwirtschaften und eine breite Handelsbasis haben Südamerika zu einem Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft gemacht

Währungskrisen, Korruption, Inflation, Schuldenverzug, bankrotte Zentralbanken, Militärjuntas und Putsche gehörten einmal zu den Standardphasen bei der Beschreibung südamerikanischer Verhältnisse. Aber die Zeiten haben sich geändert.

Heute umfasst Südamerika 13 Länder, die fast schon als Tigerstaaten bezeichnet werden können. Dank gesunder Finanzpolitik und stabiler Demokratie haben sie die aktuelle Finanzkrise weitgehend schadlos überstanden.

In Ländern wie Brasilien, Argentinien, Chile und Peru, die reich an Bodenschätzen sind, liegen seit 2004 laut CIA World Fact Book die Wachstumsraten bei vier bis neun Prozent pro Jahr. Allerdings gibt es auch Schattenseiten. Venezuela wertete seinen Bolivar im Kampf gegen die horrende Inflation ab und steuerte Anfang 2010 auf einen Krieg mit Kolumbien zu.

Chile, einst eine Diktatur, hat Marktwirtschaft und demokratische Reformen eingeführt und gilt heute als Musterland für Entwicklungsländer. Außerdem schaffte es Chile als erster südamerikanischer Staat im Januar 2010 in die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und ist damit das 31. Mitglied dieses fast 50-jährigen Clubs der Reichen. Brasilien und China warten noch auf eine Einladung.

In Wirtschaftskreisen hieß es früher immer: „Wenn die USA niesen, bekommt Lateinamerika einen Schnupfen.“ So war es Anfang der 1980er Jahre, als die amerikanische Rezession in die Region überschwappte und eine ernsthafte Schuldenkrise auslöste, die potenzielles Wachstum im Keim erstickte.

Angesichts der derzeitigen Weltwirtschaftskrise, die manche mit der Großen Depression vergleichen, sind die Analysten jedoch optimistisch, dass sich die Geschichte nicht wiederholen wird.

Ein Grund dafür ist der zunehmende Handel zwischen Südamerika und Asien, mit dem Asien seine Nachfrage nach Rohstoffen und Südamerikas wachsende Mittelschicht ihren Bedarf an Fertigprodukten deckt.

„Die südamerikanischen Länder haben heute eine wesentlich breitere Handelsbasis als je zuvor. Neben den USA wird nun auch Handel mit China, Japan und Korea betrieben. In den meisten Regionen herrscht eine stabile Demokratie, und das Konzept einer kapitalistischen freien Marktwirtschaft hat sich weitgehend durchgesetzt“ erklärt Douglas Smith, regionaler Forschungsleiter für Nord-, Mittel- und Südamerika bei der Standard Chartered Bank in New York.

Lateinamerika hat seinenFinanzhaushalt in Ordnung gebracht, meint Pamela Cox, Vice President für Lateinamerika & die karibischen Staaten bei der Weltbank in Washington DC.

„In der Vergangenheit verbreiteten sich externe Schocks rasch in der Region und brachten Devisenabwertungen und steigende Inflationsraten mit sich. Dabei waren vor allem die Armen die Leidtragenden“, kommentiert Cox. „Aber man hat aus früheren Krisen gelernt. Der deutlichste Beweis für neu gewonnene Flexibilität ist die Tatsache, dass Südamerika in der globalen Finanzkrise im Vergleich zu Osteuropa und Ostasien besser abgeschnitten hat. Gleichzeitig ist es dieser typischen Mittelschicht-Region in der Zeit von 2002 bis 2008 gelungen, 60 Millionen Menschen aus der Armut zu befreien.“

Die Wachstumsprognosen für 2010 im Hinblick auf das Bruttoinlandsprodukt bewegen sich zwischen drei und vier Prozent, nachdem es 2009 um zwei Prozent zurückgegangen war.

Die meisten Analysten sind sich jedoch einig, dass der Kontinent für den Aufschwung gut positioniert ist. Er könnte einen wichtigen Beitrag zur Konjunkturwende in der Weltwirtschaft leisten und am Ende als noch attraktiveres Investitionsziel dastehen, als es heute schon der Fall ist.

„Die globale Finanzkrise hat nicht in Lateinamerika begonnen. Hier ist die Wirtschaft gesund und zahlungskräftig“, sagte der Präsident des lateinamerikanischen Bankverbands, Ricardo Marino, im Oktober 2009 gegenüber Economics Week.

Laut einer Untersuchung von Goldman Sachs über Schwellenländer werden bis 2050 zwei der weltweit größten Wirtschaftnationen in Lateinamerika angesiedelt sein. Gemeint sind Brasilien und Mexiko, die sich zu China, den USA und Indien gesellen werden. Brasilien war schon 2009 die siebtgrößte Wirtschaft der Welt.

Aber trotz aller guten Nachrichten und geordneter Finanzen ist nicht damit zu rechnen, dass es in Südamerika einmal einen Staatenzusammenschluss wie die Europäische Union zur Förderung des Handels zwischen den Mitgliedsländern geben wird.

Einige Organisationen wie Mercosur und die Gemeinschaft der Andenstaaten sind dort bereits etabliert. Laut Douglas Smith von der Standard Chartered Bank haben sich jedoch die Länder stets schwer damit getan, andere über sich bestimmen zu lassen.

„Die südamerikanischen Staaten gehen lieber externe Bindungen ein als die Bindungen untereinander zu stärken“, meint er.

Venezuelas Präsident Hugo Chavez versucht es immerhin. Im August 2008 hatte er die Idee zu einem ehrgeizigen Projekt – dem Bau einer 6.200 km langen Zugverbindung zwischen Caracas (Venezuela) und Buenos Aires (Argentinien) –, das sich allerdings immer noch im Planungsstadium befindet.


Regionale Herausforderungen

Jeff Dayton Johnson, Senior Economist im OECD Entwicklungszentrum in Paris, nennt einige aktuelle Aufgaben dieser Region:

  • Fokus auf Faktoren, die die Wirtschaft noch flexibler machen
  • Förderung des Exports als Wachstumsmotor
  • Diversifizierung des Exports – sowohl im Hinblick auf die Länder als auch auf die Produkte

Trotz Verbesserungen bei den makroökonomischen Grundvoraussetzungen und der Qualität der wirtschaftlichen Steuerungsmechanismen in Südamerika bleiben immer noch einige Herausforderungen, sagt Douglas Smith, regionaler Forschungsleiter für Nord-, Mittel- und Südamerika bei der Standard Chartered Bank.

Dazu gehören:

  • Ungerechte Einkommensverteilung
  • Extreme Armut
  • Probleme mit der Infrastruktur

Halten Sie mich auf dem Laufenden

Sind Sie interessiert an Themen, die sich mit Engineering und Technik beschäftigen? EVOLUTION bietet Inhalte, die Ihnen Einblick in neue Techniklösungen gibt. Lesen Sie über neue Entwicklungen in spannenden Unternehmen, Industrien und Themenfeldern.

Newsletter erhalten