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Made in Africa

Angesichts steigender Lohnkosten in Asien richten Fertigungsunternehmen zunehmend ihren Blick nach Afrika. Wird der Kontinent das nächste globale Fertigungszentrum?

Text Linas Alsenas Illustrationen Matt Murphy

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Fertigung ist für viele Länder der Welt ein Weg zu Wachstum und Entwicklung.

„Kein Land kann sich industrialisieren, ohne die Fertigungsphase durchgemacht zu haben“, sagt Hinh T Dinh, führender Wirtschaftsexperte der Weltbank und Autor des Buches Light Manufacturing in Africa: Targeted Policies to Enhance Private Investment and Create Jobs. „Erst wenn die Fertigung in einem Land einen Wirtschaftsanteil von 20 bis 35 Prozent erreicht hat,  wendet sich der Trend zugunsten des Dienstleistungssektors und anderer Bereiche.“

In Afrika ist jedoch laut Dinh der Anteil der Fertigung an der Wirtschaft in den letzten drei Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen (er liegt heute bei neun Prozent) und die Arbeitslosigkeit bleibt auf hohem Niveau. „Afrika umfasst über 50 Länder. Deshalb sollte man nicht verallgemeinern“, erklärt er. Viele afrikanische Länder stecken in einer „Gleichgewichtsfalle auf niedrigem Niveau“, meint Dinh und führt aus: „Die Länder sind zu arm, um in dringend benötigte Infrastruktur sowie in personelle und finanzielle Ressourcen zu investieren. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis aus geringem Industrialisierungsgrad und alles beherrschender Armut.“

Auf der anderen Seite verzeichnet Afrika ein relativ stabiles Wirtschaftswachstum von vier bis fünf Prozent. „Das liegt an den Preissteigerungen auf dem internationalen Rohstoffmarkt, vor allem bei Bodenschätzen“, lautet Dinhs Erklärung. „Aber diese Art von Wirtschaftswachstum bekämpft nicht die Arbeitslosigkeit und ist wohl kaum nachhaltig.“

Dennoch sehen Dinh und andere Wirtschaftsfachleute aufgrund einiger vielversprechender Faktoren einen Hoffnungsschimmer für die wirtschaftliche Zukunft Afrikas. „Schauen Sie sich China an. In den letzten zehn Jahren sind in den Küstenregionen und inzwischen auch in den Provinzen im Landesinneren die Kosten gestiegen. Es lohnt sich für chinesische Fertigungsunternehmen nicht mehr, qualitativ minderwertige Waren herzustellen. Es gibt also auch eine Chance für afrikanische Länder“, betont Dinh.

Adam Elhiraika, Leiter der Abteilung Makroökonomische Wirtschaftspolitik der UN-Wirtschaftskommission für Afrika, nennt mehrere Aspekte, die für Afrika sprechen: „Dank steigendem Bildungsniveau zeichnen sich beim Humankapital Verbesserungen ab. In den meisten Ländern gehen über 90 Prozent der Kinder in die Grundschule, und auch das höhere Bildungswesen wird zunehmend ausgebaut. Es ist heute leichter als je zuvor, gute Arbeitskräfte zu finden. Die Binnennachfrage gewinnt immer mehr an Bedeutung, und der innerafrikanische Handel wächst, wodurch das Marktvolumen insgesamt steigt.“

Dinh zufolge importieren viele Märkte afrikanische Waren zu günstigen Preisen. Ein weiterer wichtiger Faktor sind die beträchtlichen Naturressourcen vieler afrikanischer Länder wie Erdöl, Minerale und Agrarprodukte. Elhiraika hält eine staatlich unterstützte rohstoffbasierte Industrialisierung durchaus für möglich.

„Nicht alle afrikanischen Länder verfügen über Rohstoffe, aber dort, wo sie vorhanden sind, sollte der Staat die Produktion von Gütern für den Binnenmarkt und für ausländische Märkte regeln“, fährt Elhiraika fort. „In Botswana zum Beispiel hat die Regierung ein Konzept für das Schleifen und Polieren von Diamanten im eigenen Land durchgesetzt, und daraus ist eine ganze Industrie entstanden.“

Trotz der Erfahrungen aus den 1960er und 1970er Jahren teilt Dinh die Ansicht, dass staatliche Interventionen notwendig sind. „Es gibt zahlreiche Möglichkeiten für eine Regierung, auch ohne finanziellen Einsatz zu intervenieren und mit entsprechenden Konzepten die Fertigung zu fördern“, meint er. In vielversprechenden Sektoren sollten die jeweiligen Hindernisse identifiziert und die Probleme sofort angegangen werden. Für Afrika zählt er sechs wesentliche Restriktionen auf, die den Fertigungssektor oft behindern: Verfügbarkeit und Qualität von Rohstoffen, mangelhafte Logistik, Zugang zu Bauland, Zugang zu finanziellen Mitteln und die Qualifikation von Arbeitern und Führungskräften.

Er nennt äthiopisches Leder als Beispiel. „In Äthiopien werden die Häute der meisten Schlachtrinder nicht verarbeitet. Dafür gibt es mehrere Gründe, aber der Hauptgrund ist ein Ektoparasit, der Flecken auf den Häuten hinterlässt und sie für Lederprodukte unbrauchbar macht. Die Behandlung ist einfach: eine Impfung zweimal jährlich mit einem staatlichen Kostenaufwand von sieben Millionen Euro. Hier muss die Regierung eingreifen. Der Schuhproduzent kann das Problem mit den Ektoparasiten nicht lösen. Das kann nur der Agrarsektor. Wir propagieren diese Art von selektiver zielgerichteter politischer Intervention.“

Elhiraika erklärt: „Wachstumsphasen hat es schon früher gegeben, nicht nur bei Rohstoffen. Nun aber liegen weitere Faktoren vor, die die Zukunft Afrikas in einem rosigeren Licht erscheinen lassen: der expandierende Konsumgütermarkt des Kontinents, das verbesserte staatliche Wirtschaftsmanagement und die Diversifizierung der wirtschaftlichen Beziehungen weltweit. Hinzu kommt, trotz stagnierendem oder rückläufigem Anteil des Fertigungssektors am Wirtschaftsvolumen hat er in absoluten Zahlen zugenommen.“

Blühendes Geschäft in Äthiopien
Vor rund 15 Jahren gründete der Unternehmer Ryaz Shamji die Golden Rose AgroFarms Ltd, das erste Exportunternehmen Äthiopiens für Hochlandrosen. Shamji erkannte die günstigen Zuchtbedingungen in Äthiopien sowie die Tatsache, dass das Land näher an den Märkten in Europa und Nahost lag als der schärfste Konkurrent Kenia. Heute ist der äthiopische Blumenexport der viertgrößte der Welt, eine Industrie mit über 50.000 Beschäftigten und einem Marktvolumen von 145 Millionen Euro pro Jahr.

„Dank der umfangreichen Blumenzucht sind aus Dörfern Städte geworden, und die Familien können es sich leisten, ihre Kinder in die Schule zu schicken“, sagt Shamji. „Auf diese Weise bekommen sie die Möglichkeit, aus der Armutsspirale auszubrechen, die die Subsistenzlandwirtschaft mit sich bringt.“

Als Geschäftsmann glaubt Shamji an das Potenzial Afrikas. „Ich kann mich nicht für alle Länder des Kontinents über die Möglichkeiten des Fertigungssektors äußern. Als erster auf einem Markt zu sein, keine Konkurrenz zu haben, Landflächen zur Verfügung und Zugang zu Rohstoffen zu haben – all dies können Vorteile sein. Es gibt jedenfalls enorme Möglichkeiten für Export und Importsubstitution.“

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