Schon als kleiner Junge wusste Steven Beckers, dass er Architekt werden wollte, wie sein Großvater. Heute hat er sein Lebensziel erreicht, und Nachhaltigkeit ist sein Markenzeichen
Nachhaltigkeit in der Architektur heißt für Beckers vor allem, das Wohlbefinden der Menschen in ihrem Umfeld in den Mittelpunkt zu stellen.
„Setzt man das Außenmilieu in ein Verhältnis zum Innenmilieu, erkennt man leichter, dass wir ein fester Bestandteil der Umwelt sind”, meint er.
Nachhaltigkeit erreicht man laut Beckers nur, wenn man das Gebäude als Ganzes betrachtet, in all seiner Komplexität einschließlich solcher Aspekte wie Beleuchtung, Abwasserentsorgung, Materialwahl, Energieverbrauch, Umweltbelastung und nicht zuletzt Wohnkomfort. Wie ist die Atmosphäre in dem Gebäude? Wo und wie sollten die Treppen platziert werden, damit sie häuer benutzt werden als die Aufzüge? Wie sieht es mit der Sonneneinstrahlung aus? Wie ist der Ausblick aus dem Fenster? Mehr Wärmeisolierung und weniger Energieverbrauch sind nur ein Teil des Gesamtbildes.
Ist der Bau eines solchen Hauses teurer? „Ja”, antwortet Beckers, „jedenfalls aus rein finanzieller Sicht. Wenn man allerdings den Nachhaltigkeitsaspekt von Anfang an in das Projekt einbezieht, wird es nicht so viel teurer. Und es macht sich bereits nach ein paar Jahren bezahlt. Smart zu bauen, ist nicht schwer. Die Herausforderung liegt im Entwurf und in der Bereitschaft, sich nach einigen Jahren fragen zu lassen, ob sich die Bewohner in dem Haus auch wohl fühlen. Es geht nicht nur darum, den Energie- und Wasserverbrauch zu senken.”
Beckers räumt ein, dass vor gar nicht langer Zeit seine Kunden und Kollegen seine Vorstellungen von Nachhaltigkeit nicht ernst genommen hatten. Inzwischen werden jedoch er und sein Team im Brüsseler Architekturbüro Art & Build Architects, das in Belgien als Öko-Unternehmen eingestuft wird, mit Preisen und Auszeichnungen für ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung überhäuft. Letztes Jahr gewannen sie zwei renommierte Preise – den BEX (The Building Exchange) Award und den MIPIM Award 2008 – einen in der Kategorie für nachhaltige Architektur und den anderen in der Kategorie ‚Bürozentren’, den sie für das neue Verwaltungsgebäude des Europarats in Straßburg erhielten.
„Wenn es um Nachhaltigkeit geht, liegen wir ganz vorn und wir nutzen jede Gelegenheit, um unser Anliegen vorzubringen”, betont Beckers. Das Architekturbüro verlor sogar kürzlich einen Wettbewerb für ein Gebäude in Frankreich, weil „das Konzept seiner Zeit voraus war”, sagt er.
„Nachhaltigkeit ist in unserer Branche zu einem Schlagwort geworden und wird in Zukunft jede Art von Architektur beeinflussen. Der Trend geht heute in Richtung ‚kontextuelle Architektur’. Die Objektarchitektur wie etwa beim Guggenheim-Museum in Bilbao, die beim Entwurf eines Objektes Komfort und Umwelt völlig ausklammert, ist nicht mehr aktuell.”
Beckers wohnt selbst in einem Haus aus den 1950er Jahren im Stil der Architekturikone Frank Lloyd Wright. Es ist „grün” trotz seiner ziegelfarbenen Fassade.
„Es gibt natürliche Belüftung und optimale Tageslichtnutzung. Ein Drittel des Hauses liegt unter Straßenniveau, um der Natur und dem Wechsel der Jahreszeiten möglichst nahe zu sein”, erzählt Beckers. „Im ganzen Haus hat man Kontakt mit Bäumen.”
Beckers verbrachte 14 Jahre im Ausland, bevor er nach Belgien zurückkehrte, um auf Initiative seines Freundes, Pierre Lallemand, an der Neugestaltung des problematischen Verwaltungsgebäudes für die Europäische Kommission Berlaymont mitzuarbeiten.
Er erinnert sich noch gut an seine erste Reaktion: „‚Du bist verrückt’, sagte ich.‚Das ist eine Nummer zu groß für mich!’ Dann rief die Regierung an, und ich konnte nicht widerstehen.” Kurze Zeit später stieg Beckers bei Art & Build Architects als Teilhaber ein. Das Architekturbüro ist inzwischen von ursprünglich 30 Mitarbeitern (1999) auf 130 gewachsen und in sechs Ländern vertreten.
Beckers ist mit seiner Arbeit und seinem Leben äußerst zufrieden. Beides scheint bei ihm untrennbar miteinander verknüpft zu sein. Er habe bisher noch kein Hobby gebraucht, lacht er. Seine Familie, seine Arbeit und seine Lehrtätigkeit an einem halben Tag pro Woche an der Freien Universität Brüssel sind seine Interessen. Er ist in Gedanken ständig mit seiner Arbeit beschäftigt. Wenn er durch die Straßen geht, sieht er immer wieder Dinge, die er ändern möchte.
„Aber es ist nicht meine Aufgabe, alle Probleme zu lösen”, kommentiert er. „Ich speichere meine Ideen im Kopf, und früher oder später kommt ein Mix aus verschiedenen Eindrücken heraus. Ich nenne es Querdenken. Zurzeit arbeite ich an einer solchen Idee – an einem Glas, das wie Gore-Tex-Gewebe atmen kann.”
Beckers liest viel, hauptsächlich über Natur, Wissenschaft, Innovationen und Soziologie. Seine Kreativität fördert er durch seine Lehrtätigkeit, bei Wandertouren mit seiner Familie in den belgischen Ardennen oder ganz einfach beim Reisen mit der Bahn und im Flugzeug.
„Als Architekt berührt man jeden Bereich des Lebens”, so Beckers. „Man muss sich jeden Tag neuen Herausforderungen stellen, aber reich wird man dabei nicht.”
Energieverbrauch im Sommer um 50 Prozent gesenkt
Steven Beckers wurde 1996 zum leitenden Architekten für das Berlaymont-Projekt der Europäischen Kommission ernannt. Sein Ziel war, Komfort und Flexibilität mit hoher Wirtschaftlichkeit zu verbinden. „Allein die Idee, Tageslicht hereinzulassen, aber nicht die Wärme, senkt im Sommer den Energieverbrauch um 50 Prozent”, erklärt Beckers. „Und durch Ausnutzung der Sonnenwärme im Winter lassen sich Energieeinsparungen von bis zu 35 Prozent erzielen.”
Das Berlaymont-Gebäude, in dem die Verwaltung der Europäischen Kommission untergebracht ist, wurde in der Zeit von 1991 bis 2004 umfassend renoviert. Anlass für diese Maßnahme war, das Gebäude von den 1.200 Tonnen Asbest zu befreien, mit dem die Stahlkonstruktion verkleidet war. Das verglaste 18-stöckige Gebäude, ein kreuzförmiger Turm mit vier Flügeln, hat 240.000 Quadratmeter Bürofläche und bietet Platz für 3.800 Beschäftigte.
Zusammen mit SKF entwickelten Beckers und sein Team ein computergesteuertes Sonnenschutzsystem, dessen 800 SKF Aktuatoren den Winkel der Lamellen je nach Stand der Sonne, der Bewölkung und der Lage im Verhältnis zu benachbarten Gebäuden verändern. Die Aktuatoren regulieren außerdem 3.000 an der Fassade montierte Glasscheiben, die die Wärme der Sonne im Winter automatisch zum Gebäude reflektieren und im Sommer vom Gebäude ablenken.


