Der Regionalzug Lastotschka

Auf Schienen durch Russland

Die enorme Größe Russlands stellt ganz besondere Anforderungen an die Eisenbahnen des Landes. Ural Locomotives baut eine darauf zugeschnittene neue Generation von Lokomotiven. Außerdem ist das Unternehmen auch in Russlands rasch wachsendem Sektor für schnelle Regionalzüge aktiv.

Text Tobin Auber
Fotos Alexander Belenky

Schienenfahrzeuge Kegelrollenlager

Fakten

Ural Locomotives
Sitz: Werchnjaja Pyschma, ein Kilometer nördlich von Jekaterinburg im Ural (Russland)
Zahl der Beschäftigten: 3.300
Produktion: Güterzuglokomotiven­ 2ES6 und 2ES10. Das Unternehmen hat inzwischen auch ein eigenes Werk für den Bau der bis zu 160 km/h schnellen Lastotschka-Züge, deren Produktion durch einen Vertrag mit der Russischen Eisenbahn bis 2023 gesichert ist.
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Kegelrollenlagereinheiten der Klasse G
SKF hat Ural Locomotives mit über 11.000 Kegelrollenlagereinheiten der Klasse G beliefert. Ursprünglich wurden die Lager von SKF in Italien herge­stellt und nach Russland exportiert. Inzwischen werden sie jedoch in der SKF Fabrik in Twer, 200 Kilometer nördlich von Moskau, gefertigt.

Die Elektro-Lokomotiven von Ural Locomotives, einem Joint-Venture der Siemens AG und der russischen Sinara Group, sind die leistungsstärksten in einem Land, in dem es ganz besonders auf Leistung ankommt. Die Entfernungen in Russland sind enorm. Von Moskau nach Wladiwostok sind es zum Beispiel fast 6.500 Kilometer. Und der Markt stellt immer höhere Anforderungen an den Schienenverkehr. Die Güterzüge werden länger, die Frachten schwerer. Lokomotiven müssen mitunter bis zu 120 mit Erz, Erdöl oder Kohle beladene Waggons ziehen. Die meisten europäischen Güterbahnhöfe sind für die Abfertigung solch langer Züge nicht einmal ausgerüstet.

2ES6 Sinara

Die leistungsstarke Elektrolokomotive 2ES6 “Sinara”.

Russlands anspruchsvolle Topografie stellt eine weitere Herausforderung dar. Die vielen stark ansteigenden Strecken bereiten schwer beladenen Zügen große Probleme.

2006 begann Ural Locomotives im Auftrag der Russischen Eisenbahn RZB mit dem Bau der „Sinara“ genannten Lokomotive 2ES6. Diese leistungsstarke, zuverlässige Lokomotive ist für bis zu 8.000 Tonnen Zuggewicht ausgelegt. Zuvor hatte sich das Unternehmen auf die Modernisierung von Lokomotiven aus den 1970er und 1980er Jahren (die VL-11 Reihe) spezialisiert.

Die neue Lokomotive hat dank ihres geringen Wartungsaufwands zu enormen Einsparungen geführt.
Denis Kontejew, leitender Ingenieur des Lokomotivenbaus bei Ural Locomotives

Die 2ES6 besteht nahezu ausschließlich aus russischen Bauteilen, darunter Kegelrollenlagereinheiten der Klasse G aus der SKF Fabrik im russischen Twer. Das Werk von Ural Locomotives unweit von Jekaterinburg hat kürzlich eine wichtige Produktionsmarke erreicht: die Fertigstellung der 600. Lokomotive dieser Reihe.

„Die Lokomotive hat dank ihres geringen Wartungsaufwands zu enormen Einsparungen geführt“, sagt Denis Kontejew, leitender Ingenieur des Lokomotivenbaus bei Ural Locomotives. „Bei der Vorgängergeneration mussten die Radsatzlager der Lok nach 300.000 Kilometern gründlich überholt und neu geschmiert werden, oder sie wurden einfach ausgetauscht. Diese Lokomotiven laufen trotz schwieriger klimatischer Bedingungen und der schweren Güterladungen erheblich länger.“

Kegelrollenlagereinheiten

Die Achslager der Lokomotiven mit ihen SKF Kegelrollenlagereinheiten.

Seit 2010 baut Ural Locomotives eine noch leistungsstärkere E-Lok, die 2ES10. Die neue Lokomotive, deren asynchroner Traktionsmotor bei Siemens Elektroprivod in St Petersburg gefertigt wird, ist mit Kegelrollenlagereinheiten von SKF ausgestattet und verfügt über ein innovatives On-Board-Diagnosesystem (OBD), das über einen speziellen Funkkanal Daten von 600 verschiedenen Parametern an die Server in der Transport- und Instandsetzungsabteilung übermittelt. Das System informiert den Lokführer kontinuierlich über jedes auftretende Problem. Er kann dann sofort notwendige Maßnahmen ergreifen, was für mehr Sicherheit sorgt.

Effizienz ist im Güterverkehr nach wie vor ein wichtiger Faktor. Früher mussten russische Güterzüge an starken Steigungen getrennt oder von doppelten Lokomotiven gezogen werden. Heute kann die Leistung der Lokomotive durch einen von Ural Locomotives 2013 entwickelten Booster auf 13.200 kW (17.700 PS) erhöht werden. Vor allem auf den gebirgigen Strecken des mittleren und südlichen Urals und Westsibiriens ist dieser Leistungsschub von Vorteil.

Lager-Endkappen

Die Schrauben der Lager-Endkappen werden angezogen.

Die E-Lok 2ES10 und ihre dreiteilige Variante können bis zu 9.000 Tonnen schwere Güterzüge ziehen, ohne dass diese an starken Steigungen geteilt werden müssen. Das bedeutet erheblich kürzere Lieferzeiten und niedrigere Transportkosten.

Doch auch Geschwindigkeit ist ein wesentlicher Faktor. Ural Locomotives arbeitet zurzeit an der Umsetzung eines Vertrags mit der Russischen Eisenbahn, der die Fertigung des bis zu 160 km/h schnellen Elektrozuges Lastotschka von Deutschland nach Russland verlagert.

Radachsen

Radachsen vor der Montage.

2013 eröffnete Ural Locomotives eine neue Produktionsstätte speziell für den Bau dieses Zuges, und im Mai 2014 rollte der erste Lastotschka aus der Werkshalle. Da auch hier künftig ausschließlich Komponenten aus russischer Fertigung verwendet werden sollen, ist geplant, die Lastotschka-Züge ebenfalls mit SKF Radsatzlagern aus der SKF Fabrik­ in Twer auszurüsten.

Das Einsatzgebiet des Lastotschka wird kontinuierlich ausgebaut. Seit 1. Oktober 2015 verkehrt der Zug in zwei weiteren Regionen des russischen Eisenbahnnetzes – in Oktjabrskaja und Swerdlowsk. Zu diesem Zweck wurde die Produktion bei Ural Locomotives weiter erhöht. 2015 baute man 24 Elektrozüge, für 2016 sind weitere 30 geplant.

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