Bohren in alle Richtungen

Spülflüssigkeit als Antrieb

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High-Tech Bohrsysteme des amerikanischen Unternehmens Baker Hughes Inc. können über Erfolg und Mißerfolg bei der Erdölgewinnung entscheiden.In der von immer schärferem Wettbewerb und ständigem Wandel gekennzeichneten Erdöl- und Erdgasindustrie nimmt die Technologie einen bedeutenden Platz ein. Die Energieerzeuger bemühen sich um steigende Effektivität und eine höhere Rentabilität ihrer Investitionen für das Aufsuchen und Gewinnen von Erdöl und Erdgas. Sie wollen ihre Kosten senken, aber gleichzeitig auch ihre Reserven erhöhen und die Produktion steigern.
Baker Hughes Inteq mit seinen drei Bereichen Drilling, Evaluation und Drilling Fluids nimmt diese Herausforderung an. Das Unternehmen bietet eine umfassende Palette von Produkten und Dienstleistungen an, die es dem Kunden erlauben, Bohrungen in Erdöl- und Erdgaslagerstätten effizienter niederzubringen, sie genauer zu plazieren und die Lagerstätten in der Umgebung der Bohrung zu erkunden und zu beschreiben.
Die integrierten Produktlösungen und Leistungen des Unternehmens umfassen Richtbohr- und Measurement-While-Drilling-Systeme (Messen während des Bohrens), Übertage-Meßeinrichtungen, die präzise Vermessung der Lage von Bohrungen, Kernbohren und Spülungssysteme.
Inteq, eine Abkürzung für Integrated Solutions and Quality, gehört zu Baker Hughes Incorporated, einer Fortune-500-Organisation mit Sitz in Houston, Texas. Die technische Sachkompetenz für Inteq Systeme und Dienstleistungen konzentriert sich auf die beiden Entwicklungszentren in Houston sowie Celle in Deutschland. Darüber hinaus betreibt Baker Hughes eine Bohranlage in Mounds, Oklahoma (USA) zu Erprobungszwecken.

Spülflüssigkeit als Antrieb

Ein gutes Beispiel für Inteqs Innovationen ist der Navi-DrillTM Motor, den die Techniker auch als „das tägliche Brot“ des Unternehmens bezeichnen. Dieser Motor nutzt zum Antrieb des Bohrmeißels die hydraulische Kraft der Bohrspülung statt der Rotation des Bohrgestänges.
Inteq hat mit dem Navi-DrillTMMotor so gute Erfahrungen gemacht, daß man nun eine neue Generation entwickelt hat, die sogenannten Navi Drill Ultra Series Motoren. Diese Motoren sind für eine höhere Leistung, einen höheren Bohrfortschritt und eine längere Gebrauchsdauer ausgelegt.

Durchbruch für die Richtbohrung

Eine weitere Neuerung in Inteqs Produktprogramm ist das AutoTrakTM Rotary Closed Loop System. AutoTrak steuert einen vorgegebenen Bohrlochverlauf in einer Untertage geschlossenen Regelschleife selbsttätig ohne Eingriff von Übertage.
AutoTrak arbeitet nach wie vor mit der Rotarybohrtechnik und gestattet erstmalig das Steuern während der Bohrstrangdrehung. Die Steuerung wird durch seitlich ausfahrbare Rippen auf einer nicht mitrotierenden Hülse bewirkt. Durch die geregelten Kräfte, mit denen diese Rippen einzeln gesteuert werden, ist das Bohrwerkzeug in der Lage, den Bohrlochkurs genau einzuhalten. Während des Bohrvorgangs werden etwa nötige Kurskorrekturen automatisch vorgenommen. Der vorprogrammierte Bohrlochverlauf kann bei Bedarf im Rahmen der Echtzeit-Überwachung von Übertage geändert werden.
Das AutoTrak-System wurde zusammen mit der italienischen Erdölgesellschaft Agip S.p.A. im Inteq-Werk in Celle entwickelt. Im Vergleich zu konventionellen Bohrsystemen werden mit ihm deutlich höhere Bohrfortschritte erreicht. AutoTrak ermöglicht außerdem Bohreinsätze über längere Strecken (derzeit von bis zu 10 Kilometern), weil durch dieses System eine glattere Bohrung entsteht und dadurch die Reibkräfte zwischen Bohrgestänge und Bohrlochwand verringert werden.
Wenn man bedenkt, daß es heutzutage 15 bis 20 Millionen US-Dollar (27 bis 34 Millionen DM, 14 bis 17 Millionen Euro) kosten kann, nur ein einziges Loch zu bohren, kann AutoTrak einen wichtigen Beitrag zur Senkung der Kosten von Erkundungs- und Förderbohrungen leisten. Eine Bohranlage mit dieser Ausrüstung kann einen großen Bereich abdecken, da von einem zentralen Punkt aus sternförmig in verschiedene Richtungen gebohrt wird. Dadurch bleibt dem Kunden die kostspielige Verlagerung der Bohranlage sowie unter Umständen der Bau zusätzlicher Offshore-Plattformen erspart. Durch den Einsatz von AutoTrak lassen sich mit den preiswerteren Onshore-Bohranlagen sogar Offshore-Lagerstätten erreichen, die in Küstennähe gelegen sind.
Im Februar 1998 testete Total Oil Marine, ein Unternehmen des französischen Konzerns Total, zusammen mit Inteq die AutoTrak-Technik. Wie Laurent Parra, Leiter der Bohrtechnik bei Total, sagt, stellt die Kombination aus Steuerungssystem und Rotarybohrtechnik, die in diesem speziellen Fall die Bohrzeit um etwa 64 Stunden verringerte, einen „der größten Fortschritte“ in der Richtbohrtechnik dar. „Mit einem derartigen System können wir neue Lagerstätten zu erheblich geringeren Kosten erschließen“, so Parra.
Baker Hughes verkauft nur zum Teil Ausrüstung an die Endbenutzer. Da aber die Kosten für die Anschaffung und die technischen Anforderungen an die Wartung von Bohrgeräten so hoch sind, werden derartige Geräte üblicherweise an die Kunden vermietet. Zu diesem Service gehören auch der Einsatz und die Betreuung der Geräte durch fachkundiges Personal vor Ort.
Dank seiner umfangreichen globalen Infrastruktur profitiert Baker Hughes von den verstärkten Erkundungs-, Entwicklungs- und Produktionsanstrengungen in regionalen Schlüsselmärkten. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 20.000 Mitarbeiter und hat regionale Vertretungen in 45 Ländern.

Neue Gelegenheiten zutage gefördert

Inteqs technischer Leiter des Ressorts Drilling and Evaluation in Celle, Dr. Volker Krüger, ist der Meinung, es gebe eine direkte Beziehung zwischen dem Erdölpreis und der Industrie insgesamt. Wenn der Preis niedrig ist, so Krüger, nutzen die Unternehmen vermehrt ihre vorhandenen Bohrlöcher und verzichten auf neue Prospektierungen.
Aber auch eine solche Situation führt zu neuen Geschäftsmöglichkeiten für den gesamten Baker-Hughes-Konzern. Re-entry-Projekte sind ein Beispiel dafür. Diese noch im Anfangsstadium befindliche Technologie umfaßt Bohrungen, die – von bereits vorhandenen, meist vertikalen Bohrlöchern – vorwiegend horizontal weitergeführt werden, um die Vorkommen in bekannten Lagerstätten besser auszubeuten. Für die Kunden ist dies eine weniger riskante Alternative als das Bohren eines neuen Bohrlochs.
Krüger ist von derartigen Möglichkeiten begeistert: „Das gesamte Unternehmen ist auf Innovation ausgerichtet.“

Kathleen Saal

Wirtschaftsjournalistin in München

Fotos Baker Hughes Inteq