Tschechische Erfolgsstory

In 63 Ländern haben Škodas Felicia- und Octavia-Modelle Marktanteile erobert, von denen andere Automobilhersteller nur träumen. Eine ganze Reihe von Auszeichnungen der Motorindustrie bestätigen den Erfolg von Škodas Marktnische: Hohe Fahrleistung zu Minipreisen. Škodas Hauptverwaltung und größtes Werk befinden sich in Mladá Boleslav 55 Kilometer nordöstlich von Prag.
   

Ähnliche Inhalte

Hohe Fahrleistung zu Minipreisen. Dieses Konzept hat Škoda Auto zu einem enormen Comeback auf
den Straßen verholfen
Die globale Autoindustrie ist keineswegs vor Schlaglöchern, Steigungen und Gefällen, heimtückischen Kurven und gefährlichen Abwegen gefeit. Dem tschechischen Automobilhersteller Škoda Auto ist es allerdings gelungen, diese Gefahren geschickt zu umgehen. 1991 half die Volkswagen-Gruppe Škoda auf die Beine, und seitdem ist der Erfolgskurs nicht mehr aufzuhalten.
   

In 63 Ländern haben Škodas Felicia- und Octavia-Modelle Marktanteile erobert, von denen andere Automobilhersteller nur träumen. Eine ganze Reihe von Auszeichnungen der Motorindustrie bestätigen den Erfolg von Škodas Marktnische: Hohe Fahrleistung zu Minipreisen. Škodas Hauptverwaltung und größtes Werk befinden sich in Mladá Boleslav 55 Kilometer nordöstlich von Prag.
   

Mladá Boleslav ist mit seinen 50.000 Einwohnern ein kulturelles, historisches und industrielles Zentrum im Nordosten der tschechischen Region Böhmen.
   

Zwei weitere Werke in Tschechien, in Vrchlabi und Kvasiny, sowie ein Werk in Poznan in Polen bauen Škodas Felicia-Serie. Felicia-Modelle werden außerdem von der neugegründeten Sarajevo Volkswagen Company in Sarajevo (Bosnien) gebaut, wenngleich auch in einer teilweise zerlegten Version als Bausatz.
   

Bis Anfang der neunziger Jahre war Škoda Auto ein kapitalschwaches Unternehmen in staatlichem Besitz. Heute ist es ein moderner und rentabler Automobilhersteller, ein Musterbeispiel des Privatisierungsprozesses. Volkswagen erwarb 1991 für eine Summe von 1,4 Milliarden DM einen 70prozentigen Anteil an Škoda Auto. Zu jener Zeit produzierte das Unternehmen 180.000 Fahrzeuge pro Jahr, hauptsächlich für osteuropäische Märkte. Nach einer Großinvestition in Höhe von 2,4 Milliarden DM (und weitere 3,4 Milliarden DM sollen in den kommenden drei Jahren in das Unternehmen investiert werden) liefen 1998 400.000 Fahrzeuge vom Band, die in alle Teile der Welt ausgeliefert wurden. Ziel ist es, bis zum Jahr 2000 das Produktionsvolumen auf 500.000 Fahrzeuge zu steigern.
   

Škoda Auto ist heute mit seinen 22.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber Tschechiens und auch der größte Exporteur. Škoda steht für 9,4 Prozent aller Exporte des Landes. Von 1991 bis 1998 hat sich der Umsatz auf 105,7 Milliarden tschechische Kronen (rund 5,6 Milliarden DM oder 2,8 Milliarden Euro) versiebenfacht.
   

„Unser Konzept ist, robuste Autos zu bauen, die innerhalb des jeweiligen Marktsegments möglichst alle Kriterien erfüllen und dem Käufer einen guten Gegenwert bieten“, sagt der offizielle Sprecher von Škoda Auto, Milan Smutny, und bezieht sich auf die Segmentierung des gesamten Automobilmarktes nach Größe und Preis.
   

„Wir haben die Qualität und wir haben die Leistung. Beides stimmt hundertprozentig.“ So äußert sich der Marketingleiter von Škoda Auto, Alfred E. Rieck, der derzeit daran arbeitet, ein homogenes Škoda-Image in der ganzen Welt zu verbreiten. „Wir sind kein kleiner tschechischer Akteur mehr. Wir sind ein internationaler Automobilhersteller der Spitzenklasse mit einem einheitlichen Image und Markenzeichen für alle Länder der Welt.
Gemeinsame Plattform
Die 1994 eingeführte Felicia-Serie, die der unteren Mittelklasse zuzuordnen ist, war das erste neue Modell, das Škoda Auto nach der Übernahme durch Volkswagen auf den Markt brachte. Die Felicia-Limousinen, -Kombis und -Pickups gibt es jeweils in einer VW-Diesel- und drei VW-Benzinmotorvarianten. Die Felicia-Serie, die den Favorit von 1987 ablöste, soll ihrerseits in einigen Jahren durch ein neues Modell ersetzt werden.
   

Der internationale Durchbruch gelang der Marke Škoda allerdings erst 1996 mit der gehobeneren Octavia-Serie, meint Rieck. Der Octavia war das erste Škoda-Modell, das nach dem Volkswagen-Konzept der gemeinsamen Plattform gebaut wurde.
   

Die Volkswagen-Gruppe ist der drittgrößte Automobilhersteller der Welt und besitzt so unterschiedliche Marken wie Audi, Bentley und den spanischen Autohersteller Seat. Um Massenproduktionsvorteile zu erzielen und die Entwicklungskosten niedrig zu halten, hat Volkswagen das Konzept der gemeinsamen Plattform geschaffen. Das bedeutet, daß die mechanischen Komponenten und Konstruktionsteile in allen Fahrzeugen gleich sind, ungeachtet dessen, ob es sich um einen in Tschechien gebauten Škoda Octavia oder um einen in Deutschland gebauten Audi oder VW handelt. Karosseriedesign und Marketing bleiben jeweils den einzelnen Marken überlassen.
   

„Die Standardisierung durch eine gemeinsame Plattform ermöglicht Kosteneinsparungen, die wiederum in die Entwicklung neuer Fahrzeugmodelle gesteckt werden können“, erklärt Peter Wells, Forschungsstipendiat am Centre for Automotive Industry Research der Cardiff Business School in Großbritannien. „Was mich beschäftigt, ist die Frage, ob Škodas Wachstum auf Kosten anderer Konkurrenten oder auf Kosten von Automobilherstellern innerhalb der Volkwagen Gruppe geht. Wie auch immer, Škodas Entwicklung ist ein enormer Erfolg.“
Langjährige Tradition
Wenngleich auch Škoda Auto die große Wende dem geschickten Management, Marketing und technologischen Know-how von Volkswagen zu verdanken hat, sollte die Bedeutung der langjährigen Maschinenbautradition dieses tschechischen Unternehmens nicht unterschätzt werden.
   

Die Geschichte von Škoda Auto geht zurück auf das Jahr 1895, als der Mechaniker Václav Laurin und der Buchhändler Václav Klement in Mladá Boleslav mit dem Bau von Slavia-Fahrrädern begannen. Als nächstes wagte man sich an Motorräder, und um die Jahrhundertwende unternahmen sie die ersten Versuche, Automobile zu bauen. Das erste Modell mit der Bezeichnung Voiturette wurde 1905 ein Verkaufsschlager im In- und Ausland.
   

1925 fusionierte Laurin & Klement mit den Škoda-Werken in Pilsen, wo auch heute noch Busse, LKW und landwirtschaftliche Fahrzeuge gebaut werden. Škoda Auto wurde Ende der vierziger Jahre abgewickelt und in ein staatliches Monopolunternehmen umgewandelt. In den fünfziger und sechziger Jahren brachte Škoda solche Modelle wie Tudor, Spartak, Babetta und sogar eine frühe Version des Octavia auf den Markt und war damit der einzige Automobilhersteller im Ostblock, der Fahrzeuge nach westlichem Standard anbot.
Integrierte Lieferungen
Aus Škoda Auto eine weltweit anerkannte Marke zu machen, geschah nicht über Nacht. Eine Voraussetzung für die globale Wettbewerbsfähigkeit war, daß Škoda zunächst seine Beziehungen zu Lieferanten vor Ort neu aufbauen mußte.
„Eine Verdoppelung der Produktion auf 400.000 Fahrzeuge bedeutete, daß sich die Anzahl der Zulieferer dramatisch erhöhte“, erzählt Achim Rauber, Leiter der logistischen Abteilung bei Škoda Auto. „1991 und 1992 war die Situation so, daß 66 Prozent unserer Zulieferer als C-Lieferanten eingestuft wurden. Heute ist es genau umgekehrt. Über 70 Prozent werden als A-Lieferanten bezeichnet. Damit ist Škoda Auto nicht nur für den eigenen Einkauf in Mittel- und Osteuropa zuständig, sondern auch für die gesamte Volkswagen-Gruppe.“
   

Der nächste Schritt bestand darin, einige Zulieferer in den Fertigungsprozeß zu integrieren. Zu diesem Zweck baute Škoda Auto 1996 eine brandneue Fabrik in Mladá Boleslav, wo Module für die Octavia-Baureihe zusammengebaut werden. Die hochtechnisierte moderne Fabrik besteht aus verschiedenen kleineren Produktionslinien, die in direkter Verbindung zum Hauptmontageband stehen.
   

„Hierdurch haben wir unsere Zulieferer in das Werk integriert“, meint Rauber. „Sie bauen ihre Komponenten in unmittelbarer Nähe zu unserer Produktion und können uns eine fertige Tür oder ein komplett ausgestattetes Armaturenbrett genau dann liefern, wenn wir die Teile brauchen.“
Alexander Farnsworth  
Journalist in Stockholm  
Fotos Alexander Farnsworth

Halten Sie mich auf dem Laufenden

Sind Sie interessiert an Themen, die sich mit Engineering und Technik beschäftigen? EVOLUTION bietet Inhalte, die Ihnen Einblick in neue Techniklösungen gibt. Lesen Sie über neue Entwicklungen in spannenden Unternehmen, Industrien und Themenfeldern.

Newsletter erhalten