Rosa Papier

Rosa Papier

Das für die Londoner Financial Times so charakteristische rosa Papier wird in
einer schwedischen Papierfabrik hergestellt. Gedruckt wird die Zeitung dagegen
in Großbritannien. Für die Belieferung der Druckereien und den Rücktransport des
Altpapiers zur Papierfabrik bedarf es einer komplizierten Logistik.
Sich mit der Tageszeitung in die Sofaecke zurückzuziehen, gehört immer noch
trotz Vormarsch der elektronischen Medien zu einem beliebten Vergnügen. Die
Zukunftsaussichten für Printmedien sind nach wie vor rosig. Ein Beispiel für
eine erfolgreiche Zeitung ist die Financial Times (FT), weltweit eine der
führenden Wirtschaftszeitungen mit einer täglichen Auflage von 500.000 Stück und
einem Leserkreis von über 1,6Millionen Menschen.

    Das für die FT charakteristische rosa Papier, das erstmals
1893 eingeführt wurde, um die Zeitung von konkurrierenden Blättern zu
unterscheiden, wird von dem schwedischen Unternehmen Holmen Paper in dessen
Fabrik in Norrköping, Braviken Paper Mill, eigens für diesen Kunden produziert.
Als Hersteller von Zeitungsdruck- und Zeitschriftenpapier ist Holmen Paper der
Hauptlieferant für zahlreiche Tageszeitungen in Europa und außerdem europäischer
Marktführer bei rosa Zeitungspapier mit einem Marktanteil von rund 40Prozent.
Braviken Paper Mill deckt weltweit die Hälfte des gesamten Papierbedarfs der FT
mit Ausnahme der USA.

    „Zur Planung der Lieferlogistik fangen wir von hinten an“,
meint Bo Wibrén, Versandleiter bei Holmen Paper. „FT muss alle drei bis vier
Wochen mit Papier beliefert werden. Wenn deren Lager beispielsweise am 15. eines
Monats aufgefüllt werden soll, richten wir uns darauf ein, spätestens am 13. zu
liefern, um eine gewisse Zeit für den Warenumschlag einzuräumen. Da für den
Seetransport drei Tage angesetzt werden müssen, prüfen wir, welches Schiff so um
den 10. herum den Hafen verlässt. Der letzte Schritt ist die Abstimmung mit der
Papierfabrik, um sicherzustellen, dass die Bestellung auch tatsächlich zum
Versanddatum lieferbereit ist. Wenn dann das Papier erst einmal produziert ist,
ergibt sich der Rest von selbst.“

Von der Papiermaschine zur Druckerei

Roger Vian ist Versandleiter bei Holmens britischer Tochtergesellschaft, Holmen
Paper Ltd (HPL). Er erklärt den Ablauf so: „FT London schickt uns eine
Jahresprognose mit genauen Angaben zu dem voraussichtlichen Monatsbedarf, und
wir erstellen Fertigungsaufträge für die Hauptverwaltung in Norrköping. Braviken
produziert FT-Papier zweimal pro Monat, und die Aufträge werden im Allgemeinen
vier Wochen vor dem Produktionsdatum

bestätigt. Jeden Monat treffen etwa 14Bestellungen mit unterschiedlichen
Lieferadressen, Produktspezifikationen und Rollengrößen ein.“

    Holmen hat fünf Schiffe auf Zeitcharterbasis zur Verfügung,
von denen zwei, Baltic Bright und Baltic News, im ständigen Wechsel für den
Transport des FT-Papiers im Einsatz sind. Alle neun Tage läuft eines der beiden
Schiffe in Chatham Dockyard etwa 40Kilometer östlich von London ein und hat
circa 5.500 Tonnen Papier geladen. Das Löschen der Ladung dauert zehn bis zwölf
Stunden. Die Papierrollen werden auf LKWs geladen und zunächst in das Lager von
Holmen gebracht. „Wir streben in der Regel einen Vorrat für 30Tage an. Die
Lagerkapazität der Druckereien ist oft begrenzt, weswegen das Papier nach dem
„Just-in-time“-Prinzip angeliefert wird“, sagt Vian.

    Die Daten zu den Lagerbeständen, Warensendungen und in
Fertigung befindlichen Aufträgen werden wöchentlich an FT London elektronisch
übermittelt und von dort aus an die Druckereien weitergegeben. Für den Süden und
Westen Englands wird die FT bei West Ferry Printers auf der Isle of Dogs in den
Londoner Docklands gedruckt.

    Das FT-Papierlager wird täglich ein oder zweimal an fünf bis
sechs Tagen pro Woche aufgefüllt, wobei ein voll geladener Anhänger bis zu
18Jumbo-Rollen mit einem Gewicht von jeweils 1,25Tonnen fassen kann. Für die
Belieferung des Lagers werden Anhänger in einer speziellen Konstruktion
eingesetzt, die auf West Ferrys automatisches Entladesystem „Rolafloor“
abgestimmt sind und die gesamte Ladung von 22,5Tonnen in einem einzigen
Arbeitsschritt auf ein Förderband im Maschinensaal heben können, wo sie
gestapelt wird. Das Ganze dauert nicht länger als zehn Sekunden. „Wir haben
einen Vorrat für etwa drei Tage, damit wir im Falle einer Topnachricht für eine
höhere Auflage gewappnet sind“, erklärt Alan Brockhurst, der bei West Ferry für
die Koordination des Zeitungsdrucks zuständig ist. Der Druckvorgang beginnt
damit, dass die Seitenlayouts der FT über Pressfax an West Ferry übermittelt
werden, wo sie zunächst auf einen Film und dann auf Aluminiumplatten für die
Druckpressen übertragen werden. Gelenkte Roboter befördern das Papier zu der
rechnergesteuerten Goss-Druckmaschine, die im Durchschnitt 40.000 Exemplare pro
Stunde produziert. Anschließend werden die Zeitungen verpackt und für die
Auslieferung gebündelt. Bis drei Uhr morgens hat West Ferry etwa 100.000
FT-Exemplare gedruckt, die mit Scania-Lkw zu den verschiedenen regionalen Depots
gebracht werden.

    „Nachrichten von gestern interessieren niemanden“, sagt
Brockhurst. „Weil in dieser Branche alles schnell gehen muss, sind Logistik und
die Einhaltung von Zeitplänen von ausschlaggebender Bedeutung. Ich bestelle jede
Woche Papier im Wert von Tausenden von Pfund. Da ist es praktisch, dass ich
einfach nur Holmen anrufen und eine Bestellung mit genauem Lieferzeitpunkt
durchgeben kann, und die organisieren alles. Es ist eine Frage von Vertrauen und
Effektivität. Auf dieser Basis haben wir eine phantastische Beziehung
aufgebaut.“

    Während die Leser in ganz Großbritannien ihre Morgenausgabe
der FT in die Hand nehmen, wird der Frachter im Hafen von Chatham für die
Rückreise vorbereitet. Schon beim Löschen der Ladung nimmt das Schiff
gleichzeitig 2.500 Tonnen Altpapier in Form von Zeitungen und Zeitschriften an
Bord, die von Holmen Recycle Ltd, einer Division von HPL mit Sitz in Chatham,
bei den Druckereien und örtlichen Behörden abgeholt wurden. Daraus ergibt sich
gleich ein doppelter Nutzen. Einerseits wird auf diese Weise verhindert, dass
die Schiffe leer nach Schweden zurückfahren und andererseits stellt das
Altpapier einen wertvollen Rohstoff für die Papierherstellung dar. Im
vergangenen Jahr kamen so 100.000 Tonnen Altpapier zusammen. Holmen trägt
insgesamt mit 610.000 Tonnen Altpapier zu den 1.040.000 Tonnen an neu
produziertem Zeitungsdruck- und Telefonbuchpapier bei.

Recycling

Das bei Braviken angelieferte Altpapier wird gereinigt und zu de-inktem
Zellstoff verarbeitet, der 40Prozent des „Grundmaterials“ von
Standard-Zeitungsdruckpapier ausmacht. Die Holzfasern lassen sich häu
wiederverwenden, werden jedoch schließlich schwach, weswegen die kontinuierliche
Zufuhr von Primärfaserstoffen für die Papierqualität sehr wichtig ist. Die
restlichen 60Prozent bestehen aus thermo-mechanischem Zellstoff, der
Fichtenholzfasern und eine kleine Menge Sulfat enthält, um eine höhere
Festigkeit des Papiers zu erzielen. Der Zellstoff wird nun mit einem Farbstoff
versetzt, der das typische rosa FT-Papier erzeugt, was jedoch keineswegs ein
einfacher Prozess ist, wie Nils-Åke Rosengren, Leiter der Finanzabteilung bei
Holmen Paper, erklärt. „Es bedarf einer umfassenden Ausbildung und Erfahrung, um
die korrekte Farbschattierung und Konsistenz zu produzieren. Auch logistische
Planung ist erforderlich, denn wir müssen von weißem auf rosa und von rosa auf
weißes Papier umstellen. Das ist komplizierter, als man denkt, wenn man
übermäßige Ausfallzeiten vermeiden will.“

    Aus dem Zellstoff, der zu 99Prozent aus Wasser und einem
Prozent Faserstoffen besteht, wird mittels Vakuum, Druck und Temperatur in den
einzelnen Sektionen der Papiermaschine Papier mit einem Faseranteil von
92Prozent hergestellt. Am Ende des Prozesses schneidet eine Aufrollvorrichtung
das fertige Papier auf die vom Kunden gewünschte Rollengröße, wobei jede Rolle
bis zu 19Kilometer Papier enthalten kann. Die Rollen werden nun verpackt, mit
einem Kundenkode versehen und zum Versandlager befördert. „Und dann beginnt der
Zyklus wieder von vorn“, meint Rosengren. „Das ist nur mit viel Logistik
möglich. Dabei ist durchaus denkbar, dass die von Ihnen zum Altpapier geworfenen
Zeitungen wieder im selben Holmen-Werk landen, das ursprünglich das Papier für
diese Zeitungen hergestellt hat.“

Brian Davenport  

freier Journalist in London  

Fotos Jan Almerén,  

Kenneth Jonasson und  

Lars-Gunnar Larsson/Media Express

 

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