Produktion

Ein Gefühl für Mitgefühl

TED-Preisträgerin Karen Armstrong ist Initiatorin der Charta des Mitgefühls und macht sich für deren weltweite Verbreitung in Schulen, Unternehmen, Religionsgemeinschaften und Städten stark.

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Fakten

Karen Armstrong
Alter:
67
Nationalität: Britisch
Lieblingsstadt: London
Zuletzt gelesenes Buch, das großen Eindruck hinterlassen hat: Faith and Belief, von Wilfred Cantwell Smith

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Charter for Compassion

Viele beruflich erfolgreiche Menschen haben konkrete Vorstellungen von ihrem Leben, einen Karriereplan und jährliche Ziele. Für die britische Autorin und durch Rundfunk und Fernsehen bekannte Kommentatorin Karen Armstrong gab es nie eine klare Strategie. Obwohl sie sich in ihrer Kindheit in katholischen Messen langweilte, wurde sie Nonne. Sie verabscheut das Schreiben und ist dennoch Autorin von über 20 Büchern über vergleichende Religionswissenschaft. Hinter ihrem jüngsten, äußerst ehrgeizigen Projekt steckt allerdings doch eine Strategie. Mit der Charter for Compassion (Charta des Mitgefühls) will sie Menschen aller Glaubensrichtungen, einschließlich derer die an keine Religion glauben, in einer gemeinsamen Anstrengung für mehr Mitgefühl zusammenführen.

Nach sieben Jahren im Kloster, die Armstrong selbst „als Teil ihrer Pubertät betrachtet, entschloss sich die damals 24-Jährige, „mit Religion nichts mehr zu tun haben zu wollen.“ In den folgenden Jahren erlebte sie eine Reihe von „beruflichen Katastrophen“, wie sie es nennt – ein missglückter Versuch einer akademischen Tätigkeit in Oxford, eine Lehrtätigkeit, die sie wegen Epilepsie wieder beenden musste, und eine kurze Karriere als Fernsehmoderatorin, die ein rasches Ende fand, als herauskam, dass ihre Arbeitgeber Geld veruntreut hatten. Nach dieser letzten Erfahrung änderte sich ihre Einstellung zum Leben und zur Religion, erklärt sie. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten befand sie sich in einer Art Schweigephase, einer Phase der intensiven Reflektion und des Studiums, in der sie sich mit verschiedenen religiösen Traditionen auseinandersetzte.

In ihrem ersten Buch Through the Narrow Gate, das 1982 erschien, erzählt sie über ihre Erfahrungen als Nonne. Es folgten weitere Bücher, darunter Muhammad: A Biography of the Prophet, A History of God und der kürzlich veröffentlichte Titel Twelve Steps to a Compassionate Life.

2008 erfuhr TED (Technology, Entertainment and Design), eine gemeinnützige Organisation, die sich der Verbreitung wertvoller Ideen widmet, von Armstrongs Werk. Die 18-minütigen TED Talks-Programme im Internet erfreuen sich enormer Popularität. Die YouTube-Videos von TED wurden bereits 110 Millionen Mal angeklickt.

Der TED Prize, mit dem der Talente- und Ressourcenreichtum der TED Gemeinschaft kontinuierlich erweitert werden soll, ist mit 100.000 US-Dollar (77.000 Euro) dotiert. Die Preisträger dürfen einen Wunsch äußern, „wie sie die Welt verändern wollen“. Armstrong erhielt den Preis 2008, und ihr Wunsch war die Schaffung und Verbreitung der Charta des Mitgefühls (Charter for Compassion), geschrieben von Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen.

Die Ende 2009 abgeschlossene Charta ist inzwischen weltweit von mehr als 91.000 Menschen unterzeichnet worden, darunter einflussreiche Persönlichkeiten aus Religion, Politik und Wirtschaft. Ihr erklärtes Ziel ist es, „Mitgefühl wieder in den Mittelpunkt von Moral und Religion zu stellen.“ Außerdem ruft die Charta dazu auf, „zu dem alten Grundsatz zurückzukehren, dass jede Auslegung von Schriften, die Gewalt, Hass oder Verachtung schüren, unzulässig ist.“ Wenn Armstrong nicht gerade mit Forschung oder ihrem neuen Buch beschäftigt ist, fährt sie rund um den Globus, um die Botschaft der Charta zu verbreiten und Menschen davon zu überzeugen, das Dokument zu unterzeichnen.

Armstrong zufolge kann Mitgefühl eine ausschlaggebende Rolle im Geschäftsleben spielen. Die Art und Weise, wie ein Unternehmen seine Mitarbeiter und Kunden behandelt, spiegelt sich in der Jahresbilanz wider. „Aufrichtige und glaubwürdige Menschen sind im Geschäftsleben erfolgreicher“, betont sie. Armstrong hat sich den Idealismus ihrer Jugendtage bewahrt, als sie von zuhause wegging, um Nonne zu werden. „Wir haben schon so viel Unheil angerichtet. Entweder machen wir so weiter wie bisher oder wir besinnen uns auf das mit unserer Tradition verhaftete Mitgefühl – egal ob religiöser oder säkularer Natur – und stellen es ins Zentrum unseres Handelns. Es macht keinen Sinn, über die Missstände in der Welt zu klagen. Wir müssen etwas dagegen tun”, schließt Armstrong.

Charter for Compassion
Gegründet: 2009
Unterzeichner: bisher 91.529 mit Unterstützung von 30 führenden inter­religiösen Organisationen
Sprachen: über 30
Ableger: Die Charta war Inspirationsquelle für ein Netzwerk von “Compassionate Schools” in Pakistan sowie für ein “Compassionate Cities”.
Compassionate Action Network (CAN) International ist eine Organisation zur Verwaltung der Compassionate Cities und plant derzeit auch Programme für Unternehmen.
Website: www.charterforcompassion.org